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Interprofessionelle Arbeitsweise und offene Fehlerkultur von Anfang an etablieren

Bei der Betreuung von PatientInnen und deren Angehörigen ist Fachwissen aus verschiedenen Bereichen gefragt. Erfolgt die Begleitung berufsgruppenübergreifend, so profitieren alle Seiten davon. Dafür muss die eine Profession wissen, was die andere kann und deren Kompetenzen vertrauen. Bereits in Ausbildung und Studium sollte das verankert werden: Basierend auf einem Netzwerk aus interprofessionellen Ausbildungsstationen in Kliniken (IPSTA) und ambulanten Arztpraxen (IPRAA) sollen Studierende im Praktischen Jahr und Auszubildende der Heil- und Gesundheitsberufe im letzten Ausbildungsjahr gemeinsam PatientInnen versorgen.

IMAGINE heißt das Projekt, dass unter Beteiligung vieler Akteure entstanden ist. IMAGINE steht für Interprofessionelle Sektorenübergreifende Medizinische Versorgung Ausbilden Und Gesundheitskompetenz Im Netzwerk Fördern und Evaluieren.

Kerngedanke ist, die Bedürfnisse von Patienten als auch die Arbeitsanforderungen an die zukünftigen Fachkräfte im Gesundheitswesen zu berücksichtigen. Das Konzept vermittelt bereits in der Ausbildung ein Selbstverständnis für relevante Aspekte der Interprofessionalität und ebnet so den Weg in den Arbeitsalltag.

Foto: Professorin Dr. Jana Jünger, MME, Direktorin des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP)

Foto: Professorin Dr. Jana Jünger, MME, Direktorin des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP)

„Eine Gesundheitsversorgung, die sich konsequent an PatientInnen und deren Bedürfnissen orientiert – sowohl in der ärztlichen und pflegerischen Versorgung als auch strukturell, das ist unser Ziel. Basis dafür ist, dass wir die Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Sichtweisen der anderen medizinischen Berufsgruppen kennen und sowohl effektiv als auch wertschätzend mit ihnen kommunizieren. Das muss bereits in der Ausbildung gelebt werden,“ so Professorin Dr. Jana Jünger. Das erfordert

  • eine übergreifende Zusammenarbeit der verschiedenen Pflege- und Gesundheitsberufe (Interprofessionalität) sowie
  • eine stärkere Verzahnung des stationären Sektors mit dem ambulanten Sektor (Intersektoralität) und
  • die Gesundheitskompetenz der Patienten zu fördern.

 

IMAGINE – Interprofessionelle Sektorenübergreifende Medizinische Versorgung Ausbilden Und Gesundheitskompetenz Im Netzwerk Fördern und Evaluieren

Unter Beteiligung vieler engagierter Akteure wurde ein Konzept für eine Versorgungsform entwickelt, die auf einem Netzwerk aus interprofessionellen Ausbildungsstationen in Kliniken (IPSTA) und ambulanten Arztpraxen (IPRAA) basieren soll. Die Robert Bosch-Stiftung hat die Entwicklung von IPSTA eng begleitet sowie den Austausch und die Vernetzung zwischen den Standorten forciert. Die Bertelsmann-Stiftung unterstützt nun bei der Koordination des Netzwerkes. Mit IMAGINE führt das IMPP – fokussiert auf den zusätzlichen Aspekt der Intersektoralität – nun fort, was begonnen wurde.

Was ist der Kerngedanke von IMAGINE?

Kerngedanke von IMAGINE ist, dass Studierende im Praktischen Jahr und Auszubildende der Pflege- und Gesundheitsberufe im letzten Ausbildungsjahr die Zusammenarbeit und Kommunikation trainieren: unterstützt durch Praxisanleiter versorgen angehende Ärzte, Pflegende und PhysiotherapeutInnen gemeinsam mit angehenden ApothekerInnen und PharmazeutInnen „echte“ PatientInnen

  • im klinischen Sektor auf einer interprofessionellen Krankenhausstation (IPSTA),
  • im ambulanten Sektor in einer interprofessionellen Ausbildungspraxis (IPRAA).
Was sind die Aufgaben der Studierenden und Auszubildenden auf einer interprofessionellen Ausbildungsstation?

Studierende und Auszubildenden führen alle medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Aufgaben eigenständig unter Supervision von PraxisbegleiterInnen durch. Mittels standardisierter Bewertungsbögen erhalten sie ein strukturiertes Feedback: von der Anamnese über die körperliche Untersuchung und die Übergaben bis hin zur Erstellung des evidenzbasierten Patientenberichtes und dessen laienverständlicher Übersetzung.

Die Studierenden und Auszubildenden übernehmen Aufgaben, sie auch zukünftig in ihrem Job umsetzen werden. Dazu gehören praktische Tätigkeiten am Patienten, Erarbeitung von Behandlungskonzepten, Dokumentation, regelmäßige gemeinsamen Besprechungen, Visiten, Übergaben und Reflexionen

Welche Vorteile haben IPSTA und IPRAA für die Studierenden und Auszubildenden?

Die Studierenden und Auszubildenden:

  • erhalten Einblick in verschiedene Bereiche der medizinischen Versorgung,
  • erkennen die Lernenden die Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Sichtweisen der anderen Berufsgruppen,
  • üben partizipative Entscheidungsfindung, die auch in der Prüfung relevant ist,
  • üben die wertschätzende und effektive interprofessionelle Kommunikation und Zusammenarbeit und
  • lernen nachhaltig patientenorientiert zu arbeiten.
Wie erfolgt die Qualitätssicherung?

Um der Patientensicherheit gerecht zu werden und die Abläufe zu vereinheitlichen, ist eine partizipative Entwicklung von Standard Operating Procedures (SOP) und Vorgabe von Qualitätsindikatoren vorgesehen. Zudem müssen sowohl die Studierenden und Auszubildenden als auch PraxisbegleiterInnen vorher ein Qualifizierungsprogramm absolvieren. Zudem erhalten die Studierenden und Auszubildenden ein regelmäßiges formatives Feedback.

Was haben wir davon?

Vorteile aus Sicht von PatientInnen:

  • bestmöglicher Übergang von ambulanter zu stationärer Behandlung und umgekehrt
  • Optimierte Behandlung durch interprofessionellen und intersektoralen Austausch
  • Patient Empowerment: die Gesundheitskompetenz der PatientInnen wird durch das Modell geschult

Vorteile aus Sicht der Gesundheitspolitik:

  • Neue Denkweisen beim zukünftigen Fachpersonal in den Gesundheitsberufen etablieren
  • gesundheitspolitische Vorgaben umsetzen
  • Barrieren zwischen Berufen und Sektoren aufweichen
  • Qualität der Versorgung verbessern
  • Gesundheitskompetenz der Patienten stärken
Leitfaden "How to IPSTA": Interprofessionelle Ausbildungsstationen - Konzept, Initiierung, Etablierung

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) setzt sich seit langem für eine Verbesserung der Lehre im Praktischen Jahr (PJ) sowie der Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit ein und treibt die Vernetzung Interprofessioneller Ausbildungsstationen voran. Dazu hat die bvmd eine interprofessionelle Taskforce aus Studierenden der
Humanmedizin sowie des Gesundheitsmanagements gebildet, die den Leitfaden Leitfaden "How to IPSTA": Interprofessionelle Ausbildungsstationen - Konzept, Initiierung, Etablierung verfasst hat. Darin sind Erfahrungen schon bestehender IPSTAs gesammelt und gebündelt, sodass Initiatoren zukünftiger Stationen Zugang zu wichtigen Informationen und Anregungen erhalten.

 

Zudem hat die studentische IMPPuls-Gruppe in Kooperation mit dem IMPP auf dem Jahreskongress der International Association for Medical Education 2019 ein Poster zur Implementierung interprofessioneller Ausbildungsstationen in Deutschland vorgestellt.

Verantwortung übernehmen und aus Fehlern lernen: S.H.I.T. HAPPENS

Studierende und Auszubildende lernen so frühzeitig Verantwortung übernehmen. Es gilt neue Denkstrukturen von Anfang an zu verankern. Dazu gehört auch eine offene Fehlerkultur zu etablieren, in der Fehler als Lernchancen aufgefasst werden. Daher hat das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen hat unter http://cirs.impp.digital/ ein Critical Incident Reporting System (CIRS) für Studierende der Humanmedizin, der Pharmazie sowie Teilnehmer der postgradualen Psychotherapieausbildung initiiert: Es bietet die Möglichkeit, Beinahe-Fehler oder kritische Ereignisse zu dokumentieren und unterstützt so dabei, ein Bewusstsein für gesundheitsrelevante Risiken zu wecken. Es wird in Kooperation mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) umgesetzt und wissenschaftlich unterstützt vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd e.V.) ist seit Projektbeginn in den Entwicklungsprozess eingebunden und hat der Plattform den Namen gegeben. Grundlage ist Sanktionsfreiheit und Anonymität.

http://cirs.impp.digital/